Datum: 10.04.2001
Ressort: Hamburg Feuilleton
Autor: Isk

Ganz schön gemein
Hamburger Kritik: Neues Cinema

Das Mädchen Coco jammert und bettelt, es appelliert an die Großmut des mächtigen Waffenschiebers. Die Angst bricht ihre Standhaftigkeit. Sie krümmt sich, wiederholt winselnd immer wieder dieselben Worte in ihrer uns unverständlichen asiatischen Sprache. Der Krieg, der draußen vor der Tür herrscht, findet hier in einer stinkenden Absteige seinen niedrigsten Ausdruck. Und vielleicht sein hilflosestes Opfer. Der Waffenschieber fesselt Coco ans Bett. David Spencer, englischer Theaterautor, möchte Echtheit. Er will die Wahrheit durch ein hohes Maß an Realität in seine kleine Theaterwelt zwingen.

Damit stößt er zwangsläufig an die Grenzen dessen, was Theater leisten kann. In seinem Stück “Clämoarr/ Geschrei” versucht er das Thema “Gewalt” auf zwei verschiedenen Ebenen in den Griff zu bekommen. Der anfänglich beschriebenen Szene stellt Spencer eine auf der lokalen Ebene angesiedelten Szene voran. Hier zeigt Spencer weniger pointiert – eher dokumentarisch – die Gewalt in ihrem Ursprung: In einem Park kämpfen Jugendliche um Arbeit, Anerkennung und den nächsten Drogenrausch. Sie sind unfähig, die eigenen Existenzängste mit denen anderer zu teilen.

Letztlich geht es auch hier um den Erhalt simpler Machtstrukturen. Der Selbstjustiz übende Waffenschieber erscheint nun in der Person eines kriegsgeschädigten Spießbürgers, der mit Pitbull und Baseballschläger den “jugendlichen Unrat” aus dem Park vertreiben will. “Clämoarr” ist der Kampfruf des schwertschwingenden Jugendlichen, der den Spießerveteranen in einer finalen Sequenz zur Strecke bringen will. David Spencers Stück ist dennoch mehr als ein wütender Aufschrei. Der Autor hält sich streng an die Devise “Think global, act local”. Gleichzeitig gelingt es ihm, die Problematik höchst kunstvoll zu verdichten. Das Problem, das der ein oder andere Zuschauer an diesem Abend im Neuen Cinema mit Spencers Stück hatte, beruhte auf dessen unentschiedener Darstellungsform. Was hier im Rahmen der Lesereihe “Stück: Gut” gezeigt wurde, war mehr als eine szenische Lesung, aber eine Theateraufführung war es deshalb noch lange nicht. Es war der Versuch, ein Theaterstück zu rekonstruieren, das der Regisseur Serdal Karaca mit jugendlichen Spandauer Laienschauspielern im vergangenen Herbst in Berlin aufgeführt hatte. Ein gewagtes Experiment. In Erinnerung bleibt eine den Durchschnitt überragende schauspielerische Leistung: Sabine Dotzer beweist als Coco, das sie mehr kann, als nur sich selbst zu spielen.